Heilig Geist Spital Augsburg


 

 

Kapitell, Zeichnung von Elias Holl, 1626.

Pfeiler im Erdgeschoss während der Bauphase. Ein Stuckkateur bereitet die Restaurierung des Kapitells vor.

Blick auf die Empore.

Blick Richtung Eingang, links erkennbar die Kanzel.

Kupferstich von Matthäus Küsel, 1653.

 

Die Spitalkapelle

Die monumentale Wirkung, die erst durch die nach Befund rekonstruierte grau- weiße Farbfassung sich wieder voll entfalten kann, bezieht der Bau aus der Einfachheit der Formen und der Beschränkung auf wenige ausgearbeitete Details. Dazu gehören die Kapitelle der mächtigen Pfeiler im Erdgeschoß, bei denen Holl eine spätgotische Spitzkonsole einschaltet. Die Nutzung als Spital bedingt eine unter künstlerischen Gesichtspunkten einfache, aber technisch raffinierte Ausstattung. Im Bau sind mehrfach Hinweise auf die damalige Haustechnik vorhanden, so die Ofenfundamente und die zugehörigen Kamine, die eisernen Revisionsöffnungen, die geschickt angelegte Rauchküche mit ihrem gewaltigen Abzug oder Fenster mit einem kleinen Zwangsbelüftungsflügel. Eine Bohlenwand, die aus der Zeit um 1630 stammt und einige Malereien und Graffittis im Flur des Obergeschosses, die einen eher naiven Charakter besitzen, zählen zum sparsamen Schmuck. Die Architekturrahmungen mit schwach erkennbaren figürlichen Darstellungen, einem Kelch und Kreuzen sind Teil der vierten Fassung, d. h. sie stammen wohl aus dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts.

Zur körperlichen Pflege gehört jedoch auch die geistige Sorge, wozu eine einst 4-achsige Kapelle am südlichen Ende eingerichtet wurde. Diese wurde aufwendig mit Kunstwerken ausgestattet. Wenngleich auch heute in der Größe auf die Hälfte reduziert, läßt sich anhand der vielen Kunstwerke, Gemälde und Skulpturen, die sich noch in der Kapelle befinden, die einstige Bedeutung ablesen. Sie wurde mit dem gesamten Bau 1631 fertiggestellt und 1648 protestantisch, als paritätische Stiftung mit paritätischer Verwaltung. 1725 wurde das kleine Predigerstüblein am südlichen Ende angebaut. Vermutlich im Zuge der Säkularisierung nach 1808 wurde die Verkürzung des Raumes vorgenommen.

Auch hier kann der heutige Raumeindruck nur noch wenig von der einstigen Pracht vermitteln. Einst vier Achsen lang, ist sie heute auf die Hälfte verkleinert. Diese Reduzierung erklärt den heutigen optischen Eindruck, da die meisten Objekte sich nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz befinden. Zudem trennt eine Betonwand den Raum ab, während der Raum ursprünglich nur durch ein schmiedeeisernes Gitter geteilt war. Ein seltenes Dokument stellen die Kupferstiche von Matthäus Küsel oder J. Gottlob Rugendas dar. Bedeutsam ist die Tatsache, daß Holl die Raumschale architektonisch nicht vom übrigen Raum unterschieden hat. Die Ausstattung wirkt durch das Gitter in die gesamte Halle. Die wertvollsten Objekte, die Kreuzigungsgruppe von Georg Petel, 1631, und die Orgel sind nicht mehr am Ort. Befinden sich die Assistenzfiguren im Maximilianmuseum, so wurde die barocke Orgel nach dem Krieg in St. Andreas eingebaut. Sein in zeitgenössischen Berichten viel beachtetes vier Spannen messendes Elfenbeinkruzifix gilt als verschollen. Dennoch ist die Qualität und Quantität der Ausstattung immer noch beachtlich. 18 Gemälde, eine Kanzel, der Altar und weite Teile des Gestühls befinden sich im Raum. Besonders von Bedeutung für den Bauforscher sind die Gegenstände, deren heutiger Aufstellungsort dem einstigen noch entspricht. Untersuchungen im Vorfeld der Restaurierung haben bestätigt, daß Kanzel, Empore und Teile des Gestühls an der Wand nicht verändert wurden.

Die Gemälde geben die größten Rätsel auf. Keines der Bilder ist signiert oder datiert. Einzelne Bilder werden der Nachfolge Johann Heinrich Schönfeld zugeschrieben. Sie stammen wohl aus dem 17./18. Jahrhundert. Inhaltich lassen sich 5 verschiedene Zyklen, bzw. Pendants ausmachen. Eine unvollständige Serie von Evangelisten, oder eine Reihe von Spruchbildern läßt sich durch stilistische Merkmale zuordnen. Besonders nennen möchte ich ein Spruchbild an der Empore, „Der heilig Geist uns wohne bey Mit seinen Gaben mancherley“, auf dem im Hintergrund das Spitalgebäude selbst dargestellt ist. Der Zustand der Gemälde wirkt stark vernachlässigt. Sie sind stark verstaubt und verrußt, was den tatsächlichen Zustand verschleiert. Zurückzuführen ist dies in erster Linie auf die Heizung, die sehr viel Staub verwirbelt und ein zu trockenes Klima erzeugt. Derselbe Dreck, der sich auf der Wand findet, hat sich auch auf der Malschicht abgelagert. Risse, Schlitze, also mechanische Beschädigungen bis hin zu Flicken und Farbspritzern von Wandfarbe zeugen von wenig Respekt im Umgang. Auch durch unfachmännisch vorgenommene Restaurierungen sind Schäden entstanden, die im Gegensatz zu den mechanischen Beschädigungen irreversibel sind, da bereits Teile der Malschicht abgenommen wurden.

Bei der Sanierung der Kapelle steht der Substanzerhalt, die Konservierung im Vordergrund. Es soll bewußt kein musealer Raum, sondern eine lebendige Kapelle bleiben, wird doch der Raum nach wie vor von der Altkatholischen Gemeinde genutzt. Die Gemälde bleiben nach der Restaurierung an den bisherigen Stellen, auch wenn diese nicht als historisch gesichert gelten können. Die Holzoberflächen werden gereinigt, die historischen Fassungen, falls erforderlich gefestigt. Die Spuren der Vergangenheit sollen bewußt erhalten bleiben. Der Raumcharakter soll sich so wenig als möglich ändern, die Neubauwirkung vieler intensiv sanierter Denkmäler wird vermieden.

Ein Bauwerk darf nicht nur tote Substanz sein, eine neutrale Hülle, mit dem ein oder anderen Datum versehen. „Bauen muß lebendige Geschichte sein und als solche erhalten werden“, formuliert der englische Kulturphilosoph John Ruskin und sieht zwei Pflichten der Architektur: „Die erste besteht darin, die Baukunst der Gegenwart „historisch“ (nämlich „unsere Zeit“ ausdrückend) zu machen; die zweite, die der Vergangenheit als die kostbarste zu erhalten.“ (John Ruskin, Die 7 Leuchter der Baukunst) Dieser Ausspruch schließt die Möglichkeit eines Eingriffes nicht aus, impliziert aber auch die große Verantwortung, die in jedem Eingriff liegt.

 

 

 


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