Fassadenmalerei
Katholisches Pfarrheim
St. Ulrich und Afra, Augsburg

Fassadenbemalung

 

... “es ist eines der wesentlichsten Zeichen von Leben
in einer Schule der Kunst, dass sie die Farbe liebt.”

– John Ruskin, The Stones of Venice

Farbe am Bau, monochrom - einfarbig oder polychrom - mehrfarbig, zählt zu den zentralen Themen der Architektur in Praxis wie Theorie. Malerei und/oder plastischer Schmuck am Bau sind immer auch den Moden der jeweiligen Zeit unterworfen. In unterschiedlichen Epochen wurde die Bedeutung der monochromen oder polychromen Farbgebung über die jeweils andere gestellt. Geradezu ein akademischer Streit zwischen Gegnern und Befürwortern der farbigen Architektur brach im 19. Jahrhundert aus. Bis heute beschäftigt das Thema Architekten und Künstler, nicht zuletzt, da aufgrund immer knapper werdender Finanz-mittel die Farbe als “preiswertes” Gestaltungselement wieder mehr an Bedeutung gewinnt.

Einzelne Städte entwickelten über Jahrhunderte hinweg einen eigenen Farbcharakter. Nennen möchte ich an dieser Stelle nur Venedig, das seit dem späten Mittelalter als farbige Stadt mit unzähligen aufwändig bemalten Fassaden berühmt war. Nicht zuletzt der rege Handel mit Augsburg und die aufgeschlossene Haltung von Augsburger Geschäfts-leuten führte in der Zeit der Renaissance zu einem regen Austausch. So liegt es nahe, dass von dort auch die Tradition farbiger Fassaden mit nach Augsburg getragen wurde.

Ob figürlich oder abstrakt, das Thema ist heute noch dasselbe: es geht immer um die Manipulation der Fassade, das Spiel mit Fläche und Öffnung, um die Frage, wie kann mit einer zweidimensionlen Darstellung ein sich in drei Dimensionen bewegendes Gebäude verändert werden. Öffnung und Grund sind nach Horst Auer die manipulierbaren Parameter einer Fassade.

Architektur

Der aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts stammende Bau wurde nach einer ausgiebigen Voruntersuchung aus vielerlei Gründen nicht abgebrochen, sondern saniert. Das Hauptvolumen stellt der Ost-West orientierte Saal für etwa 200 Personen dar, der im 1. Obergeschoß lag und auch bei einem Umbau aufgrund der Lage des Treppenhauses an dieser Stelle verbleiben musste. Genau an der prominentesten Stelle zum Ulrichsplatz kam also wieder die Bühne zu liegen. Das über die gesamte Breite der Ostfassade fensterlose und ungegliederte 1. Obergeschoß schrie förmlich nach einer Gestaltung. Die Befensterung in den oberen Geschossen gibt durch ihre Symmetrie dem stirnseitig schmalen Bau Ruhe, der sehr flach geneigte Giebel erhält durch das Vorblenden eines Stufengiebels mehr Kraft.

Nicht von Anfang an wurde von einer farbigen Gestaltung ausgegangen, zunächst wurde eine plastische Gliederung erwogen. Nachdem dem Gedanken näher getreten wurde, die Fassade mit einer Malerei zu gestalten, war nun ein Entwurf gefragt, der die inhaltlichen Vorstellungen des Auftraggebers in einer zeitgenössischen Haltung umsetzt. An einer der prominentesten Stellen Augsburgs neben den beiden Ulrichskirchen galt es nun nicht mehr nur eine Malerei für einen intimen Stadtraum mit definierter Wahrnehmungsperspektive, klaren Distanzen zu entwerfen. Es musste vielmehr ein Konzept entwickelt werden, das von nah und fern betrachtet Aufmerksamkeit erweckt, sich in das Ensemble des Ulrichplatzes einfügt, sich nicht versteckt, aber dennoch den beiden auch plastisch sehr stark gegliederten Kirchen den ersten Platz belässt.

Programm

Die Fassadenfläche fungiert als Bildträger und wird gleichsam mit einer Malerei bekleidet, ein uraltes Prinzip der Baugeschichte. Aus dieser Auffassung leitet sich die Berechtigung ab, noch in unserer Zeit ein Programm zu realisieren. Diese Haltung ist heutzutage sicher ungewöhnlich und mag ebenso den Kritikern eine Ablehnung, wie auch den Befürwortern einen Zugang erleichtern.

Inhaltlich und gestalterisch ist eine Signalwirkung intendiert, jedoch ohne aufdringlich oder gar protzig zu sein. Unter Verwendung von Symbolen soll sich die Besonderheit des Ortes im Entwurf wieder spiegeln. Dies wirft viele Fragen auf: wie soll man mit einer Symbolik umgehen, die vielleicht im 19. Jahrhundert gerade noch gängig war, aber heute von kaum mehr jemand verstanden wird, geschweige denn interessiert? Kann in unserer Zeit noch auf gegenständliche und figürliche Motive zurückgegriffen werden, kann also ein Programm realisiert werden? Wir alle bewundern in Kirchen und Sälen solche narrativen Programme, aber ein Aufgreifen dieser Traditionen scheint sich heute zu verbieten.

Der Entwurf unterscheidet sich von klassischen Fassadenmalereien. Der lineare Charakter der Gesamtkomposition entspricht eher dem einer Zeichnung, so könnte man fast treffender von “Fassadenzeichnung” sprechen. Dem entspricht auch der bewusst gewählte, fast gänzliche Verzicht auf räumliche Tiefe, die Gleichmäßigkeit der Helligkeiten der gewählten Farbtöne unterstreicht dies noch.

Viele der verwendeten Motive werden dem geübten Betrachter aus der Ikonographie bekannt sein, aber genauso wird er auch Dinge entdecken, die seine Sehgewohnheiten in Frage stellen. Einzelne Motive, die den Ort und seine Bedeutung zitieren, werden in eine Großstruktur, ein Bewegungsband aus parallelen Linien eingebunden. Diese entwickeln sich über die gesamte Höhe der Fassdae. Das Geflecht von Linien, teils parallel, teils sich verknotend, verdichtend und wieder auflösend bildet die Grundebene in die, die einzelnen Motive und Geschichten eingebettet sind. Unten rechts im Chaos beginnend steigt ein Band zunächst geknickt, dann senkrecht nach oben auf. Pfeile, Signale wie bei Verkehrszeichen, deuten bereits hier auf das Höchste hin. Diesem Bewegungsband von rechts unten nach links oben stehen zwei durch Architekturrahmung ausgegrenzte Felder links unten und rechts oben wie Fixpunkte gegenüber. Unten, genau über dem Haupteingang und diesen betonend, als hellster Bereich der gesamten Fassade -neben der Dextra Dei im Giebel- findet sich die Silhouette der Hülle des kostbaren goldenen Ulrichskreuzes von Jörg Seld, hell leuchtend. Die sehr bewusst ausgewählten Motive für St. Ulrich und Afra kreisen um die drei Bistumsheiligen, die Hl. Ulrich, Afra und Simpert, nicht in Persona sondern über Texte/Neumen -mittelalterliche Notenzeichen- und Symbole erkennbar. St. Ulrich durch die Präsenz des Kreuzes, St. Afra in einem lateinischen Zitat aus dem Afraoffizium und Simpert durch das Fragment “be careful”, nebenbei bemerkt einer der häufigsten Begriffe in der englischsprachigen Bibel, der in seiner Bedeutung aktiv wie passiv besetzt ist und die Nächstenliebe St. Simperts ausdrückt. So wird auf die beiden Weltsprachen, einst Latein und heute Englisch verwiesen. Zwischen Kreuz und Dextra Dei fällt die in Grautönen gehaltenen Marienkrönung ins Auge. Die Darstellung greift auch formal auf diesen Typ aus dem 18. Jahrhundert zurück. Pflanzen wie Lilie, Traube oder Ölbaum nehmen christliche Symbole auf. Rahmungen gruppieren die Motive, die Linien binden sie zusammen und stellen auch inhaltlich Bezüge her. Insbesondere die Architekturfriese nehmen Motive der Augsburger Fassadenmalerei zur Zeit der Renaissance auf.

Entwicklung und Technik

Der Entwurf entstand in den Sommermonaten des Jahres 2004. In dieser Zeit wurden auch eine Reihe von Entwürfen für Textilien für Sogno Veneziano entwickelt, bei denen mit einer großen Menge an unterschiedlichsten Motiven und Vorlagen experimentiert wurde. Daraus erklärt sich auch die für den Entwurf zunächst verwendete Technik der Collage. Die einzelnen Elemente, teilweise per Hand überarbeitet wurden zum Entwurf im Maßstab 1:50 gefügt. Eine Entscheidung über eine Realisierung war zu dieser Zeit noch nicht getroffen. In den Gremien der Kirchenverwaltung wie auch auf der Seite der öffentlichen Verwaltung waren noch Genehmigungen einzuholen, galt es noch viel vorbereitende Arbeit zu leisten. Die definitive Beauftragung erfolgte dann im Mai 2005, sofort wurde dann mit der Vorbereitung der Ausführung begonnen, da die Malerei zwingend in den Sommermonaten ausgeführt werden musste. Um eine unverzerrte Übertragung der Linien auf die Fassade zu erreichen, wurde eine klassische Technik genutzt: die Perforation. Dazu wurde der quadrierte Entwurf in Einzelteilen vergrößert -die Computertechnik leistete dabei gute Dienste-, anschließend mit einem Pausrädchen die Hauptlinien durchlöchert. Parallel dazu entstanden eine Reihe von Ölbildern auf Leinwand, die Details der Konzeption in ihrer Komposition untersuchen und die Farbigkeit der einzelnen Partien entwickeln. Eine Art Training für die Fassadenmalerei selbst. Die einzelnen Teilstücke konnten nun mit einem Kohlestaubbeutel auf die Putzoberfläche übertragen werden. Nach der Fixierung der Linien mittels Farbe wurde mit dem eigentlichen Malvorgang begonnen. Auf einem mineralischen, glatten Putz wurde wieder die bewährte Keim B-Technik verwendet, bei der die mit Fixativ angerührten Pigmente direkt auf die Malschicht aufgetragen werden. Die Leuchtkraft und Tiefe der Farben ergibt sich durch komplementäre Untermalungen, die mit Lasuren unterschiedlicher Deck-kraft übergangen werden. Lebendigkeit und vielfältige Übergänge sind das Ergebnis.

Farbigkeit

Eng verbunden mit dem Inhalt ist auch die Farbigkeit. Von Anfang an war eine Einfügung in die Farbstimmung der Maximilian-strasse geplant. Diese heute überwiegend warme, bescheidene Beigetonigkeit prägt den Straßenraum sehr stark. Sie stellt auch ein Alleinstellungsmerkmal des Stadtbildes dar und wurde in den letzten Jahren durch eine konsequente Begleitung durch die städtische Farbberatung erreicht. Es war die Absicht daran anzuknüpfen und auf kräftige leuchtende Töne, wie sie am Weberhaus verwendet wurden, in großen Flächen zu verzichten. Eine abstrakte Farbigkeit war also intendiert, die sich deutlich von der ikonographischen oder gar naturalistischen Farbig-keit historischer Vorbilder unterscheidet; gleichwohl sich hier auch immer wieder Grisaille-Malereien oder natürliche Materialien imitierende Architekturmalereien zu finden. Der Grundton der Süd-fassade, die monochrom gehalten ist, wurde vertieft in der Streifigkeit eingeführt. Leuchtende Töne in kleinen partien bilden die Ausnahme und setzen Akzente.

Die farbige Fassade soll ein Angebot an den Betrachter, eine Einladung zum Sehen und Entdecken sein. Ihre Einzelmotive und ihre Zusammenhänge erschliessen sich stufenweise und nur in einer Auseinandersetzung. Die unterschiedlichen Lichtsituationen erfüllen die Farben mit Leben.

 

Ulrichskreuz (Detailaufnahme)

 

Dank

Seit fast 40 Jahren wird zum ersten mal wieder eine Tradition in großem Umfang aufgegriffen, für die Stadt Augsburg über Jahrhunderte hinweg berühmt war und die wesentlich für ihr italienisches Flair verantwortlich war: die farbige Bemalung der Hausfassade. Dieses Thema heute wieder zu beleben, man könnte meinen, das sei ein gewagtes Unterfangen. Es war aber weder ein langer noch ein steiniger Weg von der Planung bis zur Realisierung eines in unserer Zeit ganz und gar ungewöhnlichen Projektes.
Bereits in den ersten Gesprächen konnte Interesse für eine Fassaden-malerei geweckt werden, der im Sommer des letzten Jahres vorgestellte Entwurf stieß auf spontane Zustimmung. Dafür möchte ich allen am Prozess beteiligten und verantwortlichen Personen danken, beginnend bei der Pfarrei, dem Kirchenpfleger Winfried Prem und Anton Kriesch. Finanzdirektor Dr. Klaus Donaubauer hat das Projekt mit großem Wohl-wollen begleitet, Erwin Simmerding vom baubetreuenden St. Ulrichs-werk der Diözese die finanzielle Umsetzung koordiniert. Danken möchte ich auch Stadtbaurat Dr. Karl Demharter und den zuständigen Ämtern der Stadt Augsburg, Andrea Kieser, Städtische Farbberatung, Gerhard Huber, Untere Denkmalschutzbehörde, Prof. Dr. Eberhard Hilbich, Stadtheimatpfleger und Dr. Markus Weis vom Landesamt für Denkmalpflege in München. Sie alle haben mit Ihren kritischen Anmer-kungen das Projekt gefördert.
Ein solch gewaltiges Werk kann nicht ohne Unterstützung realisiert werden. Hierfür danke ich Maria Mäder und meinem Mitarbeiter Werner Plankensteiner, der auch mit dem bauleitenden Architekturbüro Gruppe Centrum gemeinsam die vorbereitenden Maßnahmen koordiniert und überwacht hat.
Zuletzt und ganz besonders gilt mein Dank Hwst. Monsignore Franz Wolf für seine Aufgeschlossenheit und intensive inhaltliche Begleitung.

Stefan Schrammel
Augsburg, im September 2005

 

 


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